Wanderung. Österreich behält Restriktionen bei. Osteuropäer kehren massenweise heim. Sonst ist die „Alt-EU“ immer freizügiger gegenüber den 2004 beigetretenen Ländern.WIEN.Österreich, Deutschland und Frankreich bleiben Festungen gegen den Andrang von Arbeitskräften aus Osteuropa – der aber nicht eintritt: In allen Ländern, aus denen eine „Flut“ befürchtet worden ist, herrscht Fachkräftemangel.
Das hindert die Koalitionen in Berlin und Wien nicht daran, ihre Regelungen beizubehalten. Das CDU-Präsidium habe laut seinem Mitglied Karl-Josef Laumann beschlossen, den ungehinderten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt für EU-Bürger aus Osteuropa für weitere zwei Jahre zu blockieren, berichtete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ am Freitag: „Die Verlängerung ist entschieden.“ Damit trete die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit statt 2009, nach Auslaufen der jetzigen Regelung, erst 2011 in Kraft.
Ausnahme in 50 Mangelberufen
Dasselbe gilt für Österreich. Seit Jahresbeginn ermöglicht eine Verordnung die Beschäftigung von Fachkräften aus den neuen EU-Staaten in 50 Mangelberufen, etwa am Bau oder in der Metallverarbeitung, dazu für Optiker, Datenverarbeiter und Maschinenbauer. Im Unterschied zu Deutschland soll 2009 der Arbeitsmarkt für Fachkräfte und Akademiker geöffnet werden. Die Hürde für ungelernte Beschäftigte fällt erst 2011.
Sonst ist die „Alt-EU“ immer freizügiger gegenüber den 2004 beigetretenen Ländern. Wenn Belgien im Mai die Schranken öffnet, dann herrscht in insgesamt elf Ländern Freizügigkeit. Doch die Lockerungen könnten überflüssig werden: Immer mehr osteuropäische Gastarbeiter kehren, angelockt durch starkes Wirtschaftswachstum und Fachkräftemangel, in ihre Heimatländer zurück.
Tschechien als Scharnier
Tschechien kann in diesem Hin- und Herwogen der Arbeitskräfte als Scharnier zwischen Ost und West gelten. Ende 2007 waren 260.000 Ausländer legal im Land erwerbstätig, unter ihnen nicht ganz die Hälfte aus dem „Bruderstaat“ Slowakei und 22.000 aus Polen. Beide Nachbarn locken in den Westen oder nach Tschechien gezogene Landsleute mit aufwendigen Werbeaktionen wieder heim.
Die polnische Regierung organisiert seit Herbst 2007 Jobbörsen vor allem in britischen Wirtschaftszentren, wo Polen in größerer Zahl leben. Schätzungen zufolge gibt es in Westeuropa 1,2 bis 1,5 Millionen polnische Gastarbeiter, von diesen nur 324.000 legal.
Aus der Slowakei gingen 190.000 weg. Zuzana Valtrál’ová von der Internationalen Migrationsorganisation warnte Ende März: „Die Slowakei muss mit Facharbeitermangel rechnen.“ Doch die Regierung in Pressburg macht sich da weniger Sorgen, weil sie ein Zugpferd hat: Ausländische Auto-, Zuliefer- und Reifenkonzerne, die Produktionen in der Slowakei eröffnen, zahlen weit überdurchschnittliche Löhne und Gehälter. In Zulieferbetrieben in Holic werden schon Pendler beschäftigt, die aus dem tschechischen Hodonín herüber pendeln. Die Autokonzerne wollen in den nächsten Jahren weitere 100.000 Jobs schaffen.
Hauptleidtragender ist Ungarn. Die Zahl der slowakischen Gastarbeiter hat im Vorjahr um ein Drittel auf knapp unter 10.000 abgenommen und erreicht heuer einen neuen Tiefststand. Noch ärger trifft Budapest der Rückgang der rumänischen Gastarbeiter. Waren 2006 noch etwa 35.000 Leute aus dem Balkanland in Ungarn offiziell und doppelt so viele inoffiziell beschäftigt, so sank die legale Zahl im Vorjahr auf 25.000. „Illegale“ gab es wegen der scharfen Kontrollen praktisch nicht mehr.
Heuer wird es für Ungarn extrem eng. Nicht nur, dass die Rumänen ausbleiben – die Magyaren müssen auch mit der „Schande“ fertig werden, dass Landsleute in Rumänien „gastarbeiten“.
Ein Spezialfall sind die offiziell 550.000, inoffiziell mehr als 1,2 Millionen Rumänen, die vor allem in Italien und Spanien arbeiten. Viele sind auf dem Sprung zurück in die Heimat. Allerdings bildet das Lohngefälle ein gravierendes Problem: Die zu einer Jobbörse Bukarests in Rom erschienenen 700 Leute verlangten im Durchschnitt 700 Euro Monatsgage, um eine Heimkehr zu erwägen. In Rumänien betrug der Durchschnittslohn zu Jahresbeginn 325 Euro. Jetzt versucht Bukarest, Gastarbeiter mit anderen Vergünstigungen wie Steuerfreiheit heim zu locken.
Österreich, Deutschland und Frankreich behalten Restriktionen auf den Arbeitsmärkten bei, obwohl die Gefahr einer „Flut“ aus Osteuropa minimal ist - im Gegenteil: Neben Polen sind auch Slowaken und Rumänen massenweise auf dem Sprung, aus dem Westen in ihre Heimatländer zurückzukehren. Ungarn spürt den neuen Trend schon, weil die Gastarbeiter, die bisher aus der Slowakei und Rumänien kamen, jetzt ausbleiben.
quelle:diepresse.com