Posted by: senzationell | Januar 19, 2008
Es gab viele ‘68!
Publizist Lutz Rathenow erinnert an 40 Jahre Achtundsechziger - mit dem Blick eines ehemligen DDR-Dissidenten. Wie äußerte sich die Reformbewegung im einstigen Ostblock?
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Bündelung von zwei Reformbewegungen
Welches ‘68 war 1968? Eigentlich bündelten sich 1968 zwei Reformbewegungen, die nichts miteinander zu tun hatten und sich doch auf vielfältige Weise beeinflussten: der von Prag ausgehende prinzipielle Erneuerungsversuch des Realsozialismus durch die tschechische Partei und jene westeuropäische Mischung aus Pop-Kultur, politischen Reformen und linksradikalen Revolutionssehnsüchten. Im DDR-Bürger mixte und mischte sich dies auf spezielle Weise, je nachdem, was für eine Art DDR-Bürger er war. Im Grunde waren wir ja damals schon Bundesdeutsche im Zölibat einer DDR-Existenz.
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Wunsch nach Änderung des Realsozialismus
Viele Intellektuelle und einige Parteimitglieder setzten große Hoffnungen auf den innerparteilichen tschechischen Reformprozess. Ihr ‘68 war die Vorstellung von einer allmählichen Änderung des Realsozialismus in Trippelschritten. So gebannt schauten auch die Ungarn in den tschechischen Westen. Als es in Prag unter Dubček schief ging, neigten die reformbereiten ungarischen Genossen eher dazu, den Russen die Schuld zu geben und fühlten sich in ihrem Trauma von 1956 bestätigt. Die ostdeutschen Genossen bevorzugten das Gefühl, die Tschechen wären alles zu schnell angegangen. Andere in Ungarn und der DDR vollführten eher eine stille Vereinigung mit den Achtundsechzigern im Westen.
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Was vom frühlingshaften Aufschwungsrausch blieb
In Ungarn kam der Schriftsteller György Dalos wegen Maoismus ins Gefängnis, in Jena nahm die Staatsmacht die gerade privat gegründete Black-Panther-Partei noch nicht wirklich ernst. Das “Ost-’68″ wurde durch den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen zwanghaft beendet - vom frühlingshaften Aufschwungsrausch blieb ein depressiver Spätsommerkater. Die West-68er-Bewegung erreichte in kleinen Erfahrungsdosen auch die Ostblockstaaten, in der DDR waren der Roman “Hinter Glas” vom Franzosen Robert Merle, der amerikanische Film “Blutige Erdbeeren” Riesenerfolge, die andere, nicht vorhandene Kunst und Kultur ersetzen mussten. (Wir diskutierten an der Schule mit zwei Lehrern, die später von der Oberschule weggeekelt worden sind, weil sie sich weigerten, den Einmarsch des Ostblocks in der ČSSR zu begrüßen. Ein Schüler wurde verhaftet, weil er eine tschechische Fahne mit Trauerflor trug.)Im Grunde frustrierte natürlich das Ende in Prag, wenn einer zu sehr darüber nachzudenken begann. Die Revolte in Paris und Westberlin gab dagegen Hoffnung. Geschichte vollzieht sich oft in Paradoxien. Irgendwie reagierten die im Westen unseren Frust im Osten gleich mit ab. Der Westen lenkte vom Widerstand in der DDR ab und führte zu ihm hin.
In Rumänien hieß ‘68 dagegen: Ein Regierungschef, der sich später noch als übelster Diktator des Ostblocks erweisen sollte, zeigt der Sowjetunion die Stirn und argumentierte gegen den Einmarsch. Nie wieder war die Kommunistische Partei Rumäniens so beliebt wie 1968.
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Europäische Erinnerungskultur
“Vietnam ist mir näher als Dresden”, sagte eine Studentin vom Bodensee auf der Durchreise. Das enttäuschte. Aber die West-Achtundsechziger kündigten den DDR-Bewohnern auch das Mitleid auf. Das war gemein und richtig. Die klassische Ost-Haltung, darauf zu warten, dass der Westen alles regelt, begann langsam komisch zu wirken. Haben die Steinwürfe von Joschka Fischer auf West-Polizisten etwa auch zur späteren deutschen Neuvereinigung beigetragen? In Polen gab es ganz andere Proteste der Arbeiter und Studenten und eine antijüdische Diskriminierungswelle. In Bulgarien schienen die Studenten nur an der Sex-Welle der Achtundsechziger interessiert. Und ein Freund, der aus Litauen kam - damals noch Teil der Sowjetunion -, berichtete die dort herrschende Meinung: ‘68 sei eine Erfindung des KGB, um den Kapitalismus zu kritisieren. 1968 bleibt eine Herausforderung für eine europäische Erinnerungskultur.
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Veröffentlicht in Ostblock